Serie | Widerstandsfähigkeit von Unternehmen

Widerstandsfähigkeit ermitteln

06. Januar 2021

Im Teil I unserer Artikel-Serie geht es heute um das Thema „Widerstandsfähigkeit ermitteln“. Was macht Sie eigentlich stark? Wo liegen Ihre Ressourcen? Was stresst Sie am meisten? Die eigene Widerstandsfähigkeit zu kennen als Ausgangspunkt, um gut durch Krisen zu kommen.

Covid-19 ist die größte Krise im Bereich der öffentlichen Gesundheit seit hundert Jahren und hat die tiefste wirtschaftliche Rezession der Neuzeit verursacht. Die Pandemie hat und zeigt Schwachstellen in öffentlichen Gesundheitssystemen und sozialen Sicherheitsnetzen auf der ganzen Welt und wirft bei Vorständen und Geschäftsführern Fragen nach der Widerstandsfähigkeit ihrer Firmen und Organisationen auf.

Und diese Fragen sind berechtigt und für das Bestehen relevant. Denn die Lebensdauer von Unternehmen wird immer kürzer. Hohes Innovationstempo verkürzt die Lebenserwartung, und zwar branchenübergreifend und international.

Unternehmen werden im Schnitt nur 9 Jahre alt

Deutsche Unternehmen werden in ihrer Gesamtheit bis zu ihrer Insolvenz durchschnittlich acht bis zehn Jahre alt. Das hat der Lehrstuhl für Statistik und Ökonometrie der Universität Rostock unter Leitung von Prof. Rafael Weißbach herausgefunden. Dabei haben die Forscher auf umfangreiche Daten zu Firmeninsolvenzen des Bundesfinanzministeriums aus Deutschland zurückgegriffen.

Und dieser Trend ist global einheitlich: Da sich Kapital- und Innovationszyklen immer schneller bewegen, die Märkte immer transparenter und wettbewerbsintensiver werden, der Zeitgeschmack von Konsumenten sich immer schneller verändert, schrumpft auch die Lebensdauer von Unternehmen.

Die Geschwindigkeitszunahme von Veränderungen kann man sehr gut an einem bekannten Bild nachvollziehen, in dem dargestellt wurde, wie lange Innovationen gebraucht haben, um 50 Mio. Nutzer jährlich zu erreichen. Fluggesellschaften und Autos haben dafür noch 64 bzw. 62 Jahre benötigt, Telefone 50 Jahre und Kreditkarten 28 Jahre. Mit dem Internet ging es dann rasant voran. Smartphones benötigten noch 12 Jahre, das Internet selbst dann 7 Jahre und Pokemon Go hat es in 19 Tagen geschafft. Nach einem Jahr war der große Hype schon wieder vorbei.

Der große Wandel für Unternehmen liegt in der Beherrschung der zunehmenden Komplexität. Während es vor Jahren vor allem darum ging, sich viel Wissen anzueignen, weil wir dadurch Kompliziertes beherrschbar machen konnten, gilt es heute mit der Menge an Überraschungen zurecht zu kommen, die nicht mehr vorhersehbar sind.

Unterschied Kompliziertheit – Komplexität

Kompliziertheit:

Mechanische Uhren sind kompliziert. Sie bestehen oft aus über 1500 Einzelteilen und man spricht dann von großen Komplikationen. Dabei sind alle Einzelteile miteinander verbunden und haben ihre Funktion. Wer als Laie eine solche Uhr erklären, geschweige denn reparieren möchte ist völlig aufgeschmissen. Aber ein Uhrmacher nicht: er hat das nötige Wissen. Und so lässt sich ganz allgemein sagen: Kompliziertes ist mit darüber ausreichendem Wissen beherrschbar. Mit dem richtigen Wissen ist das Verhalten vorhersehbar. Solange die Uhr nicht kaputt ist, wird durch Betätigung der Drücker immer das gleiche Ereignis ausgelöst, z.B. die Stoppfunktion oder das Einstellen einer 2. Zeitzone. Hier gibt es keine Überraschungen.

 

Komplexität:

Komplexität bezeichnet allgemein „die Eigenschaft eines Systems, dessen Gesamtverhalten man selbst dann nicht eindeutig beschreiben kann, wenn man vollständige Informationen über seine Einzelkomponenten und ihre Wechselwirkungen besitzt“. In komplexen Systemen können wir auf keine klaren Wenn-Dann-Beziehungen mehr setzen. Die Vorhersehbarkeit von Ursache und Wirkung geht verloren. Unsere Wirtschaft und unsere Arbeitswelt sind komplexe Systeme geworden. Kunden, Lieferanten und Wettbewerber agieren in einem System unter ständigen Veränderungen. Kleine Start-ups erscheinen, und im System herrschen plötzlich neue Wechselwirkungen zwischen den Akteuren. Neue Akteure mit neuen Handlungsweisen und Zielen bestimmen Märkte, wie man sich dies bisher nicht vorstellen konnte. Eine neue Generation an Mitarbeitern mit veränderten Werten und Zielen drängt in den Arbeitsmarkt. Das „Wenn – Dann“ funktioniert heute nicht mehr so wie gewohnt.

Kompliziertheit

Kompliziertheit ist also relativ. Für den Laien ist eine mechanische Uhr extrem kompliziert, für den versierten Uhrmacher dagegen einfach. Anders ausgedrückt: Kompliziertheit ist ein Maß für Unwissenheit. Sie verschwindet durch Lernen.

Komplexität

Komplexität bezeichnet das Verhalten eines Systems oder Modells, dessen viele Komponenten auf verschiedene Weise miteinander interagieren können, nur lokalen Regeln folgen und denen Instruktionen höherer Ebenen unbekannt sind.

Thomas Heidenreich

Vorstandsvorsitzender