Profisport als Brücke zu besseren Lernerfolgen

18. Dezember 2020

Gerrit Mauch hat mit uns die Coaching Zone entwickelt, weil der Profisport wesentliche Grundlagen bietet, die das Lernen vereinfachen. Vor allem die Visualisierungs- und Emotionalisierungseffekte helfen enorm, Wissen aufzunehmen und abzuspeichern. In zahlreichen Live-Veranstaltungen konnten wir erleben, wie der Sport den Lernerfolg unterstützt, bei Vorständen, Geschäftsführern und Führungskräften. Was dafür ausschlaggebend ist, hat uns Gerrit Mauch im dritten Teil unseres Interviews verraten.

Führungskräfte lernen vom Profisport

Das mit den Bildern und der Visualisierung belegen wir häufig in Trainings. Wenn du heute jemanden fragst, wo er vor drei Wochen am Dienstag um 21.09 Uhr war, also zumindest vor Corona und der nächtlichen Ausgangssperre, denn da ist es dann sehr leicht, können 95 % es nicht beantworten. Wenn du nach der gleichen Information suchst, die viel länger zurückliegt, nämlich, wo jemand am 13.07.2014, dem Tag des WM-Finales Deutschland – Argentinien um 21.09 Uhr war, können die meisten Menschen dir exakt benennen wo, oft sogar noch mit wem und in welcher Gemütsverfassung. Die Visualisierung und Emotionalisierung sind daher sehr entscheidend, wenn es um Abspeichern von Informationen geht. In der Coaching Zone by sanosense haben wir daher zu jedem Anwendungsfall auch eine Rubrik „Lernen vom Profisport“ eingebaut. Du warst damals mit involviert, als wir die Live-Coaching Zone in Sportarenen konzipiert und durchgeführt haben und hast erlebt, wie wirksam der Sportbezug für das Lernen ist. Weshalb ist das so und welche Vorteile bietet der Bezug zum Sport für Führungskräfte, wenn es um Lernerfolge geht?

 

„Ja, das war großartig zu sehen, wie Vorstände, Geschäftsführer, Personalleiter und Führungskräfte wie kleine Kinder fokussiert und aufmerksam waren. So eine Sportarena strahlt bei den meisten Menschen natürlich eine enorme Anziehung aus, das Flair, die Atmosphäre, die Umgebungsbedingungen. All das löst Adrenalin aus und hohe Achtsamkeit. Das ist für das Training und für Lernen per se natürlich sehr gut und ergebnissteigernd. Was sowohl live in den Arenen zu beobachten war und auch in der digitalen Coaching Zone sehr gut funktioniert, ist der Abgleich der emotional aufgeladenen Bilder aus dem Profisport mit den einprägsamen Geschichten im Hintergrund und der eigenen Situation. Es entsteht aus der Sicht des Lernenden ja eine Verbundenheit, wenn er in der Situation einer Profisportorganisation seine eigene Situation in seinem Team wiedererkennt. Und wenn er jetzt ganz pragmatische, und der Sport ist ja Pragmatismus pur, Lösungsansätze nicht nur hört, sondern auch sieht und sogar erlebt hilft es ihm, diese Ideen auf seine Situation zu übertragen. Wenn der Teilnehmer oder Nutzer zufällig auch noch Fan des Teams, des Trainers oder Spielers wäre, würde zudem noch eine stark verbindende Komponente hinzukommen und er würde alles nur so aufsaugen, was er für Erfolgsgeheimnisse vermittelt bekommt. Wir konnten das ja häufig sehen, wenn Stefan Weissenböck genau über die Szenen und Situationen aus Spielen, aus Kabinenansprachen oder Auszeiten sprach und mit Bildern unterlegt hat, die wir am Tag mit den Teilnehmern zur eigenen Situation geübt haben. Es hat den Lernerfolg nochmal verfestigt. Und in der eLearning-Plattform passiert das gleiche auch. Die Nutzer erkennen ihre eigene Situation und lösen diese und dann gleichen sie es mit Lösungsmöglichkeiten aus dem Sport ab. Von daher war es auch clever das Kapitel „Lernen vom Profisport“ nahezu ans Ende der Anwendungsfälle zu stellen.“

 

Was ist der Transfer, den der Sport den Unternehmen geben kann?

„Ich bekomme im Sport und durch den Sport sehr schnell, direkt und unmittelbar die Wirkung von Entscheidungen und Führung mit, weil die Rückkoppelungen sehr direkt sind. In Organisationen haben wir durch Strukturen viele der direkten Rückkoppelungs- und Feedback-Systeme unterbrochen. Wir erkennen in der Wirtschaft oft deutlich später erst die Wirksamkeit von Entscheidungen, Führung oder Maßnahmen. Und dieses frühe Erkennen ist eine Stärke des Sports. Wir haben z. B. bei MaibornWolff uns überlegt, welche von den Faktoren, die schnelles Feedback verhindern, können wir wieder etwas zurücknehmen. So haben wir z. B. die Unterschriftenregelung abgeschafft. Es gab ein Sicherheits-, ein Feedbackkonzept, geben die Mitarbeiter, die über ein Budget verfügen, es sinnvoll aus oder nicht. Und die Fehlannahme war, das machen sie nur, weil jemand oben noch es freigeben muss und kontrolliert. In einer komplexen Umwelt muss man jetzt aber viel schneller reagieren. Auch das ist etwas, was man gerade beim Basketball sehr gut sehen und verstehen kann. Da gilt es innerhalb von 24 Sekunden permanent Entscheidungen zu treffen, ohne nochmal raus zu gehen und den Trainer zu fragen: „Was soll ich jetzt denn tun, darf ich jetzt werfen oder soll ich passen?“ Diese Entscheidung müssen die Spieler in den 24 Sekunden permanent selbst treffen. Bei Mitarbeitern wird es oft anders gemacht. Man nimmt ihnen soviel weg und engt sie so sehr ein, dass man sich dann wundert, warum sie nicht selbständig entscheiden können. Und bei MaibornWolff sind wir dann hergegangen und haben den Projektmitarbeitern die Möglichkeit gegeben, selbst zu entscheiden, ob sie jetzt z. B. für das Projekt die Kopfhörer benötigen oder nicht. Wir sind davon ausgegangen, dass kein Mitarbeiter den Ast absägen wird, auf dem er sitzt, also seinen Arbeitsplatz. Und in der Tat hat es nicht dazu geführt bei MaibornWolff dass wir mehr ausgegeben haben. Zwar auch nicht weniger, aber die Entscheidung lag beim Mitarbeiter und wir haben uns viel Zeit an vielen Stellen gespart. Und das war ein Learning aus dem Profisport. Also gerade es live und direkt sehen und erleben zu können, wie Eingriffe wirken, ist das tolle am Sport. Dazu sind es Hochleistungsteams, die alle Herausforderungen der Arbeitswelt auch haben, oft in viel kürzeren Zeitabständen, was es emotionaler macht. Viele Sportarten, wie z. B. Basketball bilden daher die ideale Lernumgebung ab, um die Komplexität zu verstehen, ja sogar sehen, fühlen und dadurch Lösungsansätze zu finden.“

 

Wenn du von jetzt mal von außen auf eine Sportorganisation schaust, was fasziniert dich da und was würde dich persönlich reizen mal z. B. mal Geschäftsführer von Bayern München oder Brose Bamberg zu sein?

„In der Tat die Emotion. Ich glaube, dadurch dass du unmittelbares Feedback hast, hast du auch unmittelbare Emotionen. Und das sind einfach Erlebnisse. Das Gewinnen gehört zum Leben und das Scheitern auch und im Sport erlebst du ja beides. Und das würde mich sehr interessieren, vor allem die These, wie gehe ich selbst mit der Emotion um. Ich muss auf der einen Seite ein sehr sachliches Geschäft machen und auf der anderen Seite habe ich gleichzeitig mit viel Emotion zu tun und direkten Rückkoppelungsmechanismen zu tun. Ich glaube das macht resilienter, deswegen tut es Führungskräften sehr gut, sich mit dem Thema „Emotionalität“ auseinanderzusetzen, statt diese immer wegzublocken. Denn es macht dich resilienter für die Umwelt, wenn du in den Momenten, in denen du weißt, es geht jetzt in den nächsten sechs Sekunden um drei Millionen €, die du Werbeeinnahmen hast oder nicht hast, ob du den Spieler kaufen kannst oder nicht kaufen kannst. Dann ist das eine Emotionalität, die darin ist, die ganz anders verarbeitet wird. Und das finde ich als Erfahrung sehr spannend, wie würde ich selbst damit umgehen, mit diesen emotionalen Einflüssen, wie weit könnte ich sachlich bleiben, wie kann ich da überhaupt noch Entscheidungen treffen, die einigermaßen wegweisend sind. Das fände ich sehr spannend.“

 

Rolf Beyer: „Es gab immer ein Motiv, was mich geleitet hat und was sehr wichtig für mich war. Das habe ich mal von einem amerikanischen Football-Coach gehört: „Never too high and never too low.“ Weil es ist genauso, wie du es von außen beschreibst, in den Momenten der Euphorie, des Sieges, des Gewinns einer Meisterschaft ist Adrenalin, Dopamin usw. so extrem stark da, aber du darfst dich von den Gefühlen nicht leiten lassen für deine Entscheidungen. Und das gleiche gilt für die Niederlagen, weil du weißt am Sonntagabend, ob du gewinnst oder verlierst, du sitzt am nächsten Morgen wieder im Büro und musst alles Mögliche tun, um den Geschäftsbetrieb zu führen und da darf dich die Emotion nicht leiten. Das hat mir geholfen auf dem Boden zu bleiben, weil eines ist ja schön, Sport macht sexy und Erfolg macht noch mehr sexy, aber du verlierst dadurch auch den Realitätssinn. Deshalb war es für mich immer wichtig, auf dem Boden zu bleiben, weil am Ende bist du Geschäftsführer einer Organisation und musst versuchen, die zu leiten, mit allen Emotionen, die außen herum sind, mit 70.000 Trainern in der Stadt und so weiter. Das hat mich immer getrieben und ich hab immer versucht hier die Balance zu halten.“

 

Gerrit Mauch: „Was ich sehr spannend finde, wo du das jetzt so erzählst, wenn ich es übertrage in die heutige Zeit, würde ich sagen du hast ja die ständige Disruption gehabt. Und der Zufall konnte dir helfen oder konnte gegen dich spielen, weil der Zufall ist ja immer mit ihm Spiel. Wir Menschen können sehr gut beurteilen, wenn wir was gut machen, sind wir ja immer vollkommen davon überzeugt, dass wir das waren und der Rahmen nur wenig Einfluss hatte. Wenn es schlecht läuft, dann hatten wir Pech und waren nur wenig daran beteiligt und der Zufall war gegen uns. Und das muss ich heute als Führungskraft verstehen, was mich heute in komplexen Umwelten resilient macht und wie ich solchen Umgebungen umgehe, die ich nicht beeinflussen kann. Ich glaube, du hast auch mal gesagt, versuch nicht zu verändern, was du nicht verändern kannst, weil es nutzlos ist, auf etwas zu trainieren was nichts bringt. Und ich glaube, das ist etwas was ich in der Coaching Zone sehr gut lernen kann, wie ich die Dinge beeinflussen kann, die ich auch kontrollieren kann und mir Wirkung bringen.“

Zur Person Gerrit Mauch

Gerrit Mauch hat Soziologie in Bamberg studiert. Er war 10 Jahre lang der Head of HR Development bei der Hotelgruppe Accor und hat in seiner Zeit mehrere Awards und Trainerauszeichnungen gewonnen. Er hat zwei Jahre die Bofrost Akademie geleitet und mehrere Jahre als Trainer für die Akademie für Führungskräfte der Wirtschaft GmbH gearbeitet. Nach seiner Zeit als Vorstand der Retencon AG in München hat er maßgebend die Lernumgebung von MaibornWolff, einem IT-Haus in München geprägt, das in den vergangenen Jahren regelmäßig als Great Place to Work ausgezeichnet wurde, was nicht zuletzt an der tollen Unternehmenskultur und den Entwicklungsmöglichkeiten dort zu tun hat. Seit Sommer 2020 ist Gerrit Mauch Geschäftsführer der Gesellschaft für empirische Organisationsforschung in Regensburg. In der Learning & Development Community genießt er einen herausragenden Ruf und gilt als einer der Besten. Seit mehr als 20 Jahren beschäftigt er sich mit den Themen „Lernen“ und „Führungskräfte-Entwicklung“. Mehrfach ausgezeichnet setzt er Organisations-Konzepte im Kontext der digitalen Transformation um. Er bezeichnet sich gerne als leidenschaftlicher Lernarchitekt, der Möglichkeiten und Ökosysteme schaffen möchte, um Menschen Lernen zu ermöglichen. Er war an der Konzeption der Coaching Zone by sanosense beteiligt und hat zahlreiche Veranstaltungen, z. B. in der Brose Arena in Bamberg mit uns begleitet und durchgeführt. Seine Expertise war uns wichtig bei der Bewertung unserer digitalen eLearning-Plattform „Coaching Zone by sanosense“, die er ausführlich getestet hat. Das Lob aus seinem Mund bedeutet uns sehr viel und ist eine der größten Auszeichnungen, die eine eLearning-Plattform für Führungskräfte heute erhalten kann, weil es die Wirksamkeit bestätigt.

Thomas Heidenreich

Vorstandsvorsitzender