Macht Pendeln einsam? Was bedeutet das für Unternehmen?

14. Mai 2018

Wie wirkt sich das Pendeln auf die Beziehung aus? Macht es einsam? Was der Arbeitsweg mit unserem Verhalten verändert, welche Folgen für Unternehmen daraus entstehen und in welchen deutschen Städten Sie am längsten im Berufsverkehr stehen, erfahren Sie im dritten Teil der Serie „Pendeln in Deutschland“

Eigentlich ist es paradox: Wir nehmen die weiten Strecken auf uns, gerade weil wir unsere Fernbeziehung weiter führen wollen, unsere Familie oder Freunde besuchen. Aber durch die Fahrerei fühlen sich viele Pendler manchmal einsam. Wer ständig unterwegs ist, hat weniger Zeit für Hobbys und Freunde vor Ort. Zudem ist es nicht mehr so einfach, sich spontan mit Freunden zu verabreden.

Der Mensch ist ein soziales Wesen, das den Austausch mit anderen braucht. Zugfahrten am Wochenende verwandeln einen Menschen natürlich nicht in einen Soziopathen. Aber: Wenn wir uns häufig einsam fühlen, steigt das Risiko, an Depressionen zu erkranken – wobei natürlich auch sehr viele andere Faktoren beeinflussen, ob man tatsächlich eine Depression bekommt.

Wie stark uns chronische Einsamkeit belasten kann, untersuchte der Neurowissenschaftler John Cacioppo von der Universität Chicago: In einer Studie fand er heraus, dass Einsamkeit sogar unsere Lebenserwartung verringern kann und uns früher sterben lässt.

Der ständige Druck kann auf Dauer deine Psyche belasten: Wer permanent unter Stress steht und sich nur wenige erholsame Phasen gönnt, der entwickelt ein höheres Risiko für Burnout. Die Wissenschaftlerin Annie Barreck von der Universität Montreal konnte nachweisen, dass ein langer Arbeitsweg zu emotionaler Erschöpfung, Zynismus und nachlassender Leistungsfähigkeit führen kann – den drei Hauptsymptomen für Burnout. Allerdings hängt das Burnout-Risiko auch von der eigenen Persönlichkeit ab, wie sehr man sich Stress zu Herzen nimmt

 

Das veränderte Verhalten

Pendler, die 45 Minuten oder länger pro Arbeitsweg unterwegs sind, verändern sich überdurchschnittlich häufig in ihrem Verhalten. Der Grund ist nicht die Strecke, die sie zurücklegen müssen, es ist die „Zeitnot“. Denn diese Zeitnot führt zu Stress-Spitzen am Morgen und am Abend. Früh hat man Angst, dass man zu spät kommt, dass man ein Meeting verpasst oder einfach sich ärgert, was man jetzt hätte schon alles wegarbeiten können, wenn man nicht schon wieder im Stau stehen würde. Auf dem Heimweg macht sich Wut breit, wenn man nicht weiterkommt, weil es schon wieder auf der Straße gekracht hat und man zum Abendessen zu spät kommt, die Kinder kaum mehr sieht, bevor sie ins Bett gehen oder weniger Zeit für das geliebte Hobby hat. Pendler empfinden die Zeit für den Arbeits- bzw. Heimweg, vor allem bei Staus oder Zugverspätungen als „gestohlene Zeit“, die ihnen fehlt. Die Zeitnot ist auch der Grund für ein verändertes Verhalten.

Ernährung
Food-to-go

Pendler sind vor allem morgens sehr zeitsensibel. Daher werden an das Essen vor allem die folgenden Anforderungen gestellt: schnell und unterwegs essbar. Daher sind sie besonders anfällig für Fast Food

Bewegung
Keine Zeit für Sport

Pendler sparen die "verlorene Zeit" des Arbeitsweges häufig beim Sport ein. Auch die Energielosigkeit am Abend hält sie von der Bewegung und dem Sport ab

Vorsorgeuntersuchungen
Keine Zeit für den Arzt

Zahnarztbesuche, Hausarzttermine oder Vorsorgetermine werden regelmäßig versäumt oder verschoben. "Ich habe hier Patienten, die pendeln täglich 180-200 km. Die haben keine Zeit für Routine-untersuchungen. Wenn ich die alle paar Jahre sehe, geht es ihnen meistens schlecht", so Achim Dombromski, Internist aus Bochum-Wattenscheid

Soziale Kontakte
Weniger Zeit für Familie und Freunde

Wissenschaftler der schwedischen Umea-Universität haben herausgefunden, dass Ehen, in denen einer oder beide einen längeren Weg in die Arbeit hat, zu 40 % häufiger geschieden werden. Laut dem Harvard-Politikwissenschaftler und Buchautor Robert Putnam ist Pendeln die Hauptursache für soziale Isolation

Was bedeutet das für Unternehmen?

Pendler sind laut dem Gesundheitsbericht der Techniker Krankenkasse besonders oft krankgeschrieben. Erkältungen und Rückenschmerzen sind hier die Krankheitsursachen Nr. 1. Das Wissenschaftliche Institut der AOK (WIdO) hat im neuesten Bericht vom 26.03.2018 hat in einer fünfjährigen Studie die Auswirkungen des Pendelns auf die psychische Gesundheit untersucht. Die Gruppe der Arbeitnehmer, die nach einem Wohnortwechsel zu Fernpendlern werden, also einen Fahrweg von mindestens 50 Kilometern zum Arbeitsort in Kauf nehmen, war der Anstieg der Fehltage aufgrund von psychischen Erkrankungen am größten (plus 54,4 Prozent). Wird die Distanz zum Arbeitsort durch einen Wohnortwechsel verkürzt, kann die relative Wahrscheinlichkeit von Fehltagen aufgrund einer psychischen Erkrankung um bis zu 84 Prozent reduziert werden“, so Helmut Schröder, Stellvertretender Geschäftsführer des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO)

Den ersten Frust erlebt der Pendler schon, bevor er auf der Arbeit ist. „Wie lange ist denn da noch Baustelle?“, „Können die alle nicht Auto fahren?“, „Kam die Bahn denn überhaupt schon mal pünktlich?“ – das Ohnmachtsgefühl im Auto oder in der Bahn, der „puren Zeitverschwendung“ hilflos ausgeliefert zu sein, frustriert den Pendler. Sein Puls und Blutdruck ist schon erhöht, bevor er auf der Arbeit ist. Der Weg zur Arbeit ist für viele Arbeitnehmer in Deutschland einer der am häufigsten genannten Gründe für die Unzufriedenheit mit dem Job. Die Folge: Verlust von Motivation und Produktivität

Von den „unzufriedenen Pendlern“ spielen 71 % mit dem Gedanken sich in den nächsten 12 Monaten den Job zu wechseln und sich eine Stelle näher am Wohnort zu suchen.

Die Ohnmacht im Stau – wo ist es besonders schlimm?

Am unzufriedensten sind die Autofahrer. Sie sind gefesselt hinter dem Lenkrad und jeder Stau sorgt für Pulsrasen und Ohnmachtsgefühl. Sie können nicht aufstehen, müssen sich konzentrieren und kommen nur im Schneckentempo an ihr Ziel. Die Staumeldungen auf Fernstraßen in Deutschland sind seit 2002 von 100.785 bis 2017 auf 723.000 angewachsen und haben sich versiebenfacht. Wir zeigen Ihnen, in welchen deutschen Städten es am schlimmsten ist.

Platz 10
Ruhrgebiet Ost (Bochum-Dortmund)

56 Stunden verbringen die Pendler im Ruhrgebiet Ost durch Staus zusätzlich auf der Straße

Platz 9
Bremen

58 Stunden verlieren Pendler in Bremen zusätzlich durch Staus

Platz 8
Düsseldorf

Pendler in Düsseldorf müssen sich auf zusätzlich 65 Stunden auf der Straße einstellen

Platz 7
Ruhrgebiet West (Duisburg-Essen)

Pendler im Ruhrgebiet West brauchen 66 Stunden zusätzlich auf dem Arbeitsweg

Platz 6
Berlin

73 Stunden im Stau bringt Berlin Platz 6

Platz 5
München

76 Stunden verbringen Pendler in und um München zusätzlich auf der Straße

Platz 3
Frankfurt

Pendler stehen in und um Frankfurt 78 Stunden im Jahr im Stau

Platz 3
Hamburg

Die Hansestadt teilt sich mit ebenfalls 78 Stunden Platz 3 mit Frankfurt

Platz 2
Köln

Pendler der Domstadt stehen 80 Stunden im Stau

Platz 1
Stuttgart

Die meiste Geduld ist in Stuttgart gefragt. Hier stehen die Pendler 84 Stunden zusätzlich auf der Straße

Was Betroffene selbst dazu sagen und welche Tipps wir für Pendler haben, lesen Sie in unserem letzten Teil zur Serie „Pendeln in Deutschland“

Thomas Heidenreich

Vorstandsvorsitzender